Santiglaus, Schmutzli und die beiden Esel spazieren und diskutieren.

Santiglaus, Schmutzli und die beiden Esel spazieren und diskutieren.

 

Das Geheimnis der Esel

Ein Interview mit den Eseln des Santiglaus für das BirsMagazin? – Gespräche mit Tieren sind eigentlich nicht mein Ding. Ich sage immer: Menschen sind Menschen, Tiere sind Tiere und Esel sind Esel. Es gibt da Schranken, die Sinn machen und die man respektieren soll.

 

Andererseits bin ich ein neugieriger Mensch und mit dem Honorar könnte ich ein paar zusätzliche Weihnachtsgeschenke kaufen. Also nehme ich den Auftrag halt dann doch an. Nur, wie findet man die Esel des Santi-glaus und wann reden sie? Zwei  Fragen, die Google nicht beantworten kann. 

 

Solche Sachen erfährt man von sehr, sehr alten Menschen, die noch in der Welt von gestern oder sogar in der von vorgestern leben. Die reden lange und erzählen dir viel. Das meiste kannst du gleich wieder vergessen. Doch der Rest hilft dir weiter. Erstens: Der Santiglaus lebt dort, wo der Schwarzwald am schwärzesten ist. Zweitens: Wenn die Tiere reden, dann tun sie es in der Nacht des 4. Oktober, am Namenstag von Franz von Assisi.

 

Ich finde das Häuschen und den Stall und die Scheune mit zwei grossen Schlitten und mit einem grossen Leiterwagen. – Und die zwei kleinen Strafanstalten, die eine für die bösen Buben und die andere für die bösen Mädchen. Es stimmt auch, dass um das Häuschen herum das ganze Jahr Schnee liegt, und dass dieser Schnee immer schön neu und weiss aussieht. In dieser tiefen Schwärze des Waldes ist das sehr angenehm und stimmungsvoll. Allerdings ist es leider nicht wahr, dass auf den Tannen Spielzeug wächst, keine Barbies, keine Spiel-konsolen, keine Modellautos, keine Spielzeugmaschinenpistolen, keine Plastik-E-Gitarren, keine Kleinen Ponys und keine lebenden Meerschweinchen; Baumnüsse schon und Erdnüsse, Clementinen, Feigen, Datteln und Lebkuchen und Reisig-Ruten; Glöcklein, Kerzen, Jutesäcke und dicke schwarze Bücher.

 

Das Grautier Ronia

Das Grautier Ronia

 

Ronia und Johnny

Ein Schneeball trifft mich voll aufs Ohr. Ich drehe mich um und sehe einen kleinen, blassen Lausbub mit struppigem Haar. Er steht mit dreckstarrenden, baren Füssen im Schnee und streckt mir die Zunge heraus. «Wie heisst du denn?» frage ich. – Er macht zuerst ein wenig auf verstockt, und antwortet dann leise: «Moripf».

Mit der Zeit wird er recht zutraulich. Er begleitet mich zum Stall und erzählt mir, dass der Santiglaus auf Recherche sei. Die beiden Esel haben nichts dagegen, dass ich eintrete. In ihren grossen Augen sehe ich sogar einen Funken Neugier. – «Guten Tag», sage ich, «ich sollte ein Interview mit Ihnen machen. Okay?» – «Jii-aaa!» sagt der eine Esel. – Nach einer Weile ergänzt der andere: «Sie können uns ruhig du sagen.» – «Sie mir auch», sage ich.

 

«Also», fange ich an, «liebe Esel, wer seid Ihr?»

«Mein Name ist Ronja», antwortet der eine Esel, «ich bin ein Grautier und die Mutter von Johnny.»

«Und ich bin Johnny», antwortet der andere Esel, «ich bin ein Dunkelgrautier und der Sohn von Ronja.»

«Okay», fahre ich fort, «ich bin ein Investigativjournalist. Ich stehe dem Santiglaus sehr kritisch gegenüber und werde euch entsprechend unverblümte Fragen stellen. Ist das für euch in Ordnung?»

«Das kennen wir, das ist typisch menschlich», sagt Ronja.

«Das Setting hier ist reichlich langweilig und altmodisch. Ihr verbringt das ganze Jahr im Stall und am 6. Dezember zieht ihr den Schlitten des Santiglaus und tragt seine Lasten. Und am Schluss schleppt ihr die Säcke in den Wald mit den schweren Jungs und den leichten Mädels.» – Ich kann mir ein Kichern nicht verkneifen.

 

Das Dunkelgrautier Johnny

Das Dunkelgrautier Johnny

 

Esel fahren keine Lastwagen

«Ist das ein Witz?» fragt Johnny.

«Wir haben nämlich keinen Humor», ergänzt Ronja, «kein Tier hat Humor. Wir tragen die bösen Buben und die bösen Mädchen in unsere Strafanstalten. Auf das Gewicht kommt es nicht an, nur auf die Bosheit.»

«In Amerika kommt der Santiglaus mit
diesem roten Coca-Cola-Lastwagen. Der ist viel effizienter und zeitgemässer als zwei humorlose Esel.»

«Hast du schon einmal ein Interview mit einem Lastwagen gemacht?» fragt Ronja.

«Nein, das fehlt mir gerade noch!»

«Lastwagen haben nämlich keine Moral», gibt Johnny zu bedenken.

«Ach so, aber ihr Esel habt eine? – Ich kenne euch: Ihr sagt Jii-aa, und dann macht ihr, was ihr wollt.»

«Wir machen, was wir müssen. Tiere können nicht frei entscheiden. Deshalb gibt es auch keine bösen Tiere. Wir kennen gut und böse instinktiv auseinander», erklärt Ronja, «die Menschen müssen das erst lernen. Deshalb brauchen sie den Santiglaus, der ihnen den Unterschied zeigt. Und deshalb braucht der Santiglaus uns, denn er ist auch nur ein Mensch und erkennt den Unterschied nicht immer.»

«Stimmt», sagt Johnny, «wir tragen gern die Lasten, aber wir sind nicht deswegen hier. Wir wandern das ganze Jahr mit dem Santi-glaus durch den Wald und diskutieren über die Einträge im schwarzen Buch. Wir können ihm ganz genau sagen, welches Kind gut und welches böse ist. Das schätzt er an uns.»

«Und das kann der rote Lastwagen nicht», nickt Ronja.

«Gut und böse, was soll denn das heissen?», ereifere ich mich, «wenn ich den Moritz hier ansehe, dann denke ich, ihr nehmt die armen Kinder mit, die mit den Sprach-fehlern, und die reichen lasst ihr zuhause. Wenn ihr die Reichen in den Sack stecken würdet, müsstet ihr euch bald mit den Anwälten der Eltern herumschlagen. – Das ist ungerecht und ein Skandal!»

«Dieses Problem haben wir nicht, denn unter den Eseln gibt es keine Armen und Reichen», sagt Ronja.

«Ich finde das alles sehr merkwürdig», sage ich, «das ist doch völlig absurd, dass hier Tiere – und ausgerechnet Esel! – Menschen be-ur-teilen. Ich muss mir das genau über-legen. Im Moment bin ich einfach nur verwirrt.»

«Verwirrung ist menschlich», sagt Johnny.

Ronja ergänzt: «Bedenke: Es gibt Schranken, die durchaus Sinn machen.»

«Meine Rede», schliesse ich, «und diesen Moritz hier, den nehme ich mit ...»

«Nein», sagt Moritz, «mir pfällt es hier und ich bleibe noch ein bipf.»

 

Text: Jürg Seiberth, Fotos: Christian Jaeggi