Kunst im weissen Raum? Bäume im Weiss? Oder nur winterliche Landschaft?

Kunst im weissen Raum? Bäume im Weiss? Oder nur winterliche Landschaft?

 

Ist Weiss komplex?

Wer von der Chefredaktion eine «kulturelle carte blanche» erhält, kann einfach schreiben, was er will. Wenn das Generalthema lapidar «Weiss» lautet, wird’s allerdings etwas komplex. 

 

Von der Farbe Weiss weit und breit keine Spur! Bei Redaktionsschluss im Herbst dominieren die Farben Rot, Gold, Braun, Gelb, Orange die Region. Das gilt für die prallen Kürbisse, die fetten Nüsse, die saf-tigen Trauben und selbst für die von den Bäumen fallenden Blätter. Die Sonne hat ihre sommerlich-weisse Strahlkraft spür- und sichtbar verloren. Und der lokale Wetterbericht stellt keinen Wintereinbruch in Aussicht. Und nur weil die Tage kürzer werden, bringt die Gegenüberstellung von  Schwarz und Weiss zu wenig. Denn dann hätte man sich wieder mal in der sattsam bekannten Farben- und Lichtlehre, dass Weiss und Schwarz bestenfalls unbunte Farben sind, getummelt. Déjà vu et lu. 

 

Bei dieser Art von unterschwellig anmutender Ausweglosigkeit ist die Verlockung gross, das Heil im Netz zu suchen, denn dafür ist es ja da. Und siehe da, es ist erstaunlich, wie viel interessantes Wissen über das Weisse schlechthin zu finden ist. Weiss ist nicht einfach nur (k)eine Farbe, sondern hat eine reiche Vielfalt von normativen und symbolischen Werten, die unsere und andere Kulturen keineswegs nur anderen Farben zuweist.

 

Das royale und heilige Weiss

Vermutlich ist Ihnen bekannt, liebe Lese-r*innen, dass gemäss Wikipedia Weiss im westlichen Kulturkreis in der Regel mit
Begriffen wie Freude assoziiert wird. Entsprechend steht Weiss auch für Hochzeit, Taufe, Unschuld, Jungfräulichkeit, Unsterblichkeit, Unendlichkeit und Reinheit. Oder ist Ihnen bekannt, dass Weiss als royale Farbe gilt? So war die Standarte des französischen Königs ein (schlichtes) weisses Banner. Im Judentum und als liturgische Farbe im Christentum bedeutet die Farbe Heiligkeit. Eine weisse Flagge bedeutet: Sofortiger Stopp der Schlacht, Kapitulation, Waffenstillstand oder Frieden. In der Politik: Konterrevolution, Antikommunismus. 

 

Totenstilles Weiss

Das Weisse wird aber auch immer wieder mit Stille assoziiert, also mit Lautlosigkeit, Abwesenheit jeglichen Geräusches, aber auch Bewegungslosigkeit. Ihre umgangssprachliche Steigerung ist die Totenstille. Und jetzt wird es interessant. Weiss galt und gilt in verschiedenen Kulturen – nicht nur in Afrika oder im Fernen Osten, sondern auch im christlichen Abendland – als Zeichen für Tod und Trauer. Durchaus winterlich. Im Gegensatz zu heute, wo wir Schwarz mit Tod und Trauer assoziieren. 

 

Ein Blick ins Netz offenbart, dass das Schwarze viel mehr mit technischen, technologischen, physikalischen, politischen, militärischen oder okkulten Begriffen und Symbolen assoziiert wird. Irgendwo taucht die Frage auf, ob Schwarz für das Konkrete, Sachliche, Endliche der Welt und Weiss für das Weite, Offene, Transzendente steht? Aber damit wäre das Gegenteil vom Weissen das Schwarze. Das wäre dann doch etwas gar simpel. Interessant ist nämlich, dass die Artikel, die Zuweisungen, die Verweise und Zitate zum Begriff Weiss viel häufiger sind als zum Begriff Schwarz. 

 

Und damit landet man unausweichlich im Bereich der Kunst, wo es echt kompliziert wird. Denn dort wird Weiss immer wieder auf das «Nichts» bezogen, also auf das Abwesende, dessen Anwesenheit erwartet wird, auf das Wesenlose, das Nichtige, nicht Greifbare. Etwas, dem der eigentliche Inhalt, das innere Sein und Leben fehlt, der blosse «Schein». 

 

Weiss ist nie monochrom

In der Kunst gibt es so etwas wie die Magie der weissen Bilder, jenen Flächen und Räumen, die uns als Publikum zugleich faszinieren und irritieren. Zum einen scheinen die weissen Bilder oder Räume ganz einfach und gleichsam nur sublim konkret. Wer vor einem gänzlich weissen Bild steht, fragt sich, wie so ein Werk, so ein Ort gestaltet werden kann. Kunsträume sind – mit Ausnahme von Bühnen – (fast) immer weiss. Nur die Künstler*innen tragen (fast) immer schwarz. Und da kommt einem dann die sattsam bekannte Szene aus der einen oder anderen Kunstausstellung in den Sinn, wo jemand vor einem monochrom schwarzen Bild lauthals zur Erkenntnis gelangt, dass das jedermann/-frau (machen) kann. Stimmt! Schwarz malen kann jeder – auch im übertragenen Sinne. Aber weiss? Selten gehört. Irgendwie ist das logisch. Das Weisse erscheint im Augenlicht und Augenblick komplexer, abenteuerlicher, unendlicher. Alles andere als einfarbig. Das passt zu jenen Winterlandschaften unserer Region, deren Weiss uns in den letzten Jahren (leider) zunehmend abhanden gekommen ist. 

 

P.S. In China ist Weiss Symbol für Alter, Westen und Hinterlist. Und für den Herbst ...

 

Text: Niggi Ullrich, Foto: Christian Jaeggi