Drop off – Einfahrt in einen steilen Hang. Im Hintergrund Le Chasseron. Foto Daniel Silbernagel

Drop off – Einfahrt in einen steilen Hang. Im Hintergrund Le Chasseron. Foto Daniel Silbernagel

Im Reich der kleinen Berge

Bergführer Daniel Silbernagel ist oft im Jura in der Natur unterwegs, vor allem im Winter. 2005 hat er den ersten Guide über zahlreiche Skitouren im Jura verfasst. Mittlerweile ist bereits die dritte Auflage von «Winterwelt Jura – Im Reich der kleinen Berge» erschienen.

 

Liegt Schnee, ist Daniel Silbernagel täglich auf den Skiern; der ehemalige Lüftungszeichner hält es nie lange «nicht an der Luft aus». Die Liebe zur Natur, sein Bewegungsdrang gehören zu seinem Naturell, und 
die Schulzeit in Hasliberg, wo er die Berge täglich vor der Nase hatte, tat ihr Übriges dazu. Er führt Berg- und Skitouren durch, leitet seinen Topo-Verlag und verfasst 
das Jura-Schneebulletin. Dabei steht er in engem Kontakt mit weiteren Beobachtern und dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF. 

 

Der Basler Autor und Bergführer Daniel Silbernagel. Foto Christian Jaeggi

Der Basler Autor und Bergführer Daniel Silbernagel. Foto Christian Jaeggi

 

Daniel Silbernagel, Sie haben einmal gesagt, dass Sie am liebsten in wilder Umgebung unterwegs sind. Findet man in den «kleinen Bergen» im Jura diese Wildheit?

Im Winter herrscht im Jura oft recht gars­tiges Wetter: Wind, Nebel, Schneetreiben. Da wird es selbst in diesen kleinen Bergen schwierig, sich zu orientieren, weil das Gelände nicht so markant ist. Es gibt im Jura auch viele Orte, an denen man keinem Menschen begegnet. Liegt frischer Schnee, muss man selbst spuren. Die Tannen auf den Kreten sind zum Teil extrem eingepackt mit Schnee. Dazwischen findet man Felswände, die fast südländisch anmuten. Diese Kombination ist sehr reizvoll. Faszinierend ist auch, wenn man sich oberhalb des Nebels befindet und zum Beispiel über den Genfersee bis zum Mont Blanc hin­übersieht.

  
Was ist besonders an Skitouren im Jura?

Aufgrund der Höhe und der Wetterlage liegt der Schnee im Jura oft nur ein paar Tage. Der Wechsel von idealen Bedingungen für Wintertouren bis hin zu keinem Schnee ist abrupt. Deshalb schaue ich bei einer Tour vor allem, wie das Wetter ist und wo Schnee liegt. Touren, die bis ins Mittelland hinunterführen, kann man nur selten durchführen. Wenn der Schnee nur in höheren Lagen liegt, mache ich eine Tour, bei der man mehrmals aufsteigt und abfährt. Man kann im Jura den ganzen Tag unterwegs sein und doch mehr als tausend 
Höhenmeter machen, was einer Alpentour gleichkommt.

Wie entstand der Skitourenführer für den Jura?

Das war am Anfang eher ein Liebhaber­objekt. Bei Hochtouren in den Alpen habe ich festgestellt, dass mir die vorhandenen Beschreibungen zu textlastig und oft auch nicht sehr aktuell sind. So habe ich viele Touren abgeklettert und aufgezeichnet, wo man sich zum Beispiel abseilen muss usw. Meine Gäste waren davon begeistert. Als der SAC kein grosses Interesse daran zeigte, habe ich selber einen Verlag gegründet. 2009 erschien der erste Hochtourenführer. Mittlerweile habe ich die ganze Schweiz mit meinen Hochtouren-Topoführern abgedeckt, die es in dieser Art sonst nicht gab. Im Skitourenführer haben mein Zwillingsbruder Michel und ich über mehrere Winter viele Touren ausprobiert und achtzig davon ausgeknobelt. Es gibt verschiedene Schwierigkeitsgrade und eine Schneeflocken-Skala, die zeigt, welche Tour man bei welchen Schneeverhältnissen machen kann. Die Idee ist auch, dass man alles mit dem ÖV machen kann.

 

Flockig leichter Pulverschnee – ein Traum für Skitourenfreunde

Flockig leichter Pulverschnee – ein Traum für Skitourenfreunde

 

Wie würden Sie Ihre Bücher charakteri­sieren? 

Sie sind sehr aktuell – ich überarbeite sie alle zwei, drei Jahre – und sie weisen eine hohe Detailliertheit auf. In einem herkömmlichen Führer steht zum Beispiel «300 m über den Grat (Haken)». Bei mir steht genau, wo man durchklettern muss und sich der Haken befindet, auf welcher Höhe etc. Im Führer finden sich Fotos und Karten im Originalmassstab 1:25 000 mit sehr detaillierten Routenskizzen (Topos), auf denen jeder Haken im Fels eingezeichnet ist. Die Bücher sind also viel visueller. Es sind Führer, aber man kann darin auch nur schmökern und sich inspirieren lassen. 

In einem Interview sagten Sie: «Bergsteigen ist eine ehrliche Art, durchs Leben zu gehen.» Wieso ehrlich? 

Heute kann man fast immer irgendwie aussteigen. Hört man beim Tennisspielen mitten in einem Match auf, geschieht einem nichts. Verliert man den Job, kann das schlimm sein, aber man stirbt nicht daran. Beim Bergsteigen gerät man in Situationen, in denen es nur zwei Varianten gibt: Man geht weiter, oder man stirbt. Man kann aus einer unangenehmen Situation nicht einfach davonlaufen und muss Eigenverantwortung übernehmen.

 

Text: Sabina Haas, Fotos: © Daniel Silbernagel, topoverlag.ch