Christoph Alispach unterwegs mit dem Weissen Album der Beatles. Fotos: Christian Jaeggi

Als die Musik noch rar und kostbar war

Christoph Alispach und das Weisse Album. Der Musiker und Musikjournalist Christoph Alispach hat die Programme von Schweizer Radio DRS und SRF über Jahrzehnte massgeblich mitgeprägt. Auch drei Jahre nach seiner Pensionierung ist die populäre Musik das zentrale Thema in seinem Leben.

 

In dieser Ausgabe des BirsMagazins geht es um die Farbe «Weiss». Was fällt dir zu diesem  Stichwort ein? 

Christoph Alispach: Das Weisse Album der Beatles zum Beispiel. Es erschien im Novem­ber des denkwürdigen Jahres 1968. 

War es ein Markstein in der Musikgeschichte?

Fast jedes Album der Beatles war irgendwie ein Markstein in der Musikgeschichte. Der eigentliche Titel war «The Beatles». «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band», das Album, das 1967 erschien, hatte ein 
Cover, das an Pomp nicht zu überbieten war. Also entschied man sich, das Cover des neuen Doppelalbums einfach weiss zu lassen, mit den Worten «The Beatles» in farbloser Blindprägung. Sehr schlicht und elegant. Deshalb wurde die Platte auch das Weisse Album genannt.

Was bietet das Weisse Album musikalisch?

 

Christoph Alispach unterwegs mit dem Weissen Album der Beatles. Fotos: Christian Jaeggi

Christoph Alispach unterwegs mit dem Weissen Album der Beatles. Fotos: Christian Jaeggi

 

Es ist interessant, dass gerade dieses Album «The Beatles» heisst, erschien es doch zu einem Zeitpunkt, als das eingeschwo­rene Viererteam sich zunehmend auflöste und jeder damit beschäftigt war, seinen eigenen Weg zu finden. Alle brachten ihre Kompositionen ins Studio und benutzten die Kollegen quasi als Session-Musiker. Zum ersten Mal gab es auch einen offi­ziellen Gastmusiker (neben den bisher eher anony­men Bläsern und Streichern): Eric Clapton spielte das Solo in George Harrisons «While My Guitar Gently Weeps». Das ist ver­blüffend, war Harrison doch eigentlich der Leadgitarrist der Beatles. Die zunehmenden Spannungen in der Band führten sogar zum zeitweiligen Ausstieg von Ringo Starr. Darum trommelt auf  zwei Songs («Back In The USSR» und «Dear Prudence») Paul McCartney.
Alles in allem ist das Weisse Album für mich ein Sammelsurium ohne roten Faden, musikalisch sehr vielseitig, auch mit vielen hochkarätigen Songs, doch keine Offenbarung. Es gilt in Fachkreisen nicht als bahnbrechend oder stilbildend.  Es gibt auf der Platte Titel, die ich schlicht unnötig finde, und mit den technischen Spielereien in «Revolution 9» kann ich nichts anfangen.


Verschwörungstheorie

Auch damals gab es offenbar schon Verschwörungstheorien, obwohl – oder gerade weil – es noch keine Social Media gab. Den Sektenführer Charles Manson soll das Weis­se Album auch inspiriert haben, vor allem die Titel «Helter Skelter» und «Piggies». Was kannst du dazu sagen?

Charles Manson war selbst ein allenfalls mittelmässiger Musiker und er hatte eine wahre Beatles-Obsession. Sein Denken war wirr und er war Ende der Sechzigerjahre davon überzeugt, dass bald ein gewaltiger Rassenkrieg ausbrechen werde. «Helter Skelter» war für ihn der Name für diesen Krieg und die «Piggies» waren die Feinde, die es zu vernichten galt. Die Mitglieder der mörderischen Manson-Family schrieben diese Wörter mit Blut an die Wohnungswände ihrer Opfer. Manson schaffte es, die Hippie-Bewegung in Verruf zu bringen, aber den Beatles – die mit diesen Geschichten gar nichts zu tun hatten – haben sie wohl nicht geschadet.


Die erste Platte

Jetzt wollen wir aber doch noch ein wenig über dich sprechen, lieber Christoph. Welches war die erste Platte, die du selber gekauft hast?

Am Portiunggeli in Dornach kaufte ich «Help!» von den Beatles und bald darauf «Get Off Of My Cloud» von den Rolling Stones. Beide Titel erschienen 1965.

Warst du eher für die Beatles oder für die Stones?

Beide gefielen mir gleich gut, später tendierte ich ein wenig in Richtung Stones. 

Heute haben wir ja Spotify und Konsorten: Musik im Überfluss. Wie hat sich denn so ein junger Musikfreak in Arlesheim früher über die neuesten Trends informiert?

Früher war Musik rar und kostbar. Vier Sachen waren wichtig. Erstens die Plattenläden, da konnte man Platten hören, wohldosiert. Wenn man stundenlang an der Theke hing, wurden die Verkäufer nervös. Zweitens die Freunde, mit ihnen konnte man Platten tauschen. Drittens die Radiosender, die man über Kurzwelle und Mittelwelle in grauenhafter Qualität empfing, z. B. AFN (American Forces Network), Radio Luxemburg und ab 1970 auf UKW: SWF3 «Pop Shop». Und viertens die Musikzeitschriften, Melody Maker, New Musical 
Express, Bravo, Pop, Rock et Folk, Salut les Copains. In Arlesheim am Kiosk gab es das natürlich nicht, aber in Basel schon. 

 

Rechts: In «Schmockis Ohrwurm Oase» mit dem Beatles-Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band».

Rechts: In «Schmockis Ohrwurm Oase» mit dem Beatles-Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band»


Das Schlagzeug

Und selber hast du auch Musik gemacht?

Immer, Schlagzeug. Es begann mit 15, da gründeten wir die «MGs», wir spielten zum Beispiel im Anbau des «Domstübli» in Arlesheim. Und dann kamen viele, viele verschiedene Bands. Heute spiele ich in drei Formationen: «The Tutu Three», das «Trio de Charme» und mit dem Projekt «I’ll Remember You». Da kommen jetzt dann auch noch die «Veteranos» dazu. – Das Schlagzeugspielen habe ich als Auto­didakt gelernt, ich bin mir bewusst, dass mein technisches Können beschränkt ist. Mit viel Spass und Energie lässt sich das 
jedoch prima ausgleichen.

 

Der begeisterte Schlagzeuger Christoph Alispach auf der Atlantisbühne mit der Projektband «I’ll Remember You». Foto: Gaspard Weissheimer

Der begeisterte Schlagzeuger Christoph Alispach auf der Atlantisbühne mit der Projektband «I’ll Remember You». Foto: Gaspard Weissheimer

 

Und wie wurdest du Musikjournalist?

Da rutschte ich hinein. Es begann mit einer Kritik in den damaligen «Basler Nachrichten» über ein Konzert in Riehen: Als erste Vorgruppe spielte eine Arleser Band, dann kamen Rumpelstilz (damals noch ohne Hit) und zuletzt «East of Eden». Ich schrieb als freier Journalist über Musik und Sport, dann arbeitete ich auch fürs Radio. Früher war das einfach: Man hatte eine Idee und dann legte man los. 1983 wurde ich bei DRS 3 fest angestellt.

Erinnerst du dich an den Besuch von Slash von «Guns n’ Roses» im Studio Basel auf dem Bruderholz? Das Bild vergesse ich nicht: Pizzaschachteln und Jack Daniels, dahinter Ali und Slash, Slash mit Tätowierungen und Muskeln (Ich frage mich immer, wie man mit solchen Armen Gitarre spielen kann). Und unten auf der Studio­treppe rotteten sich die Fans zusammen, die im Radio gehört hatten, dass ihr Idol auf dem Hügel ist. Du hast mir ein Autogramm besorgt, das meine Tochter noch immer in Ehren hält. – Gibs zu, du hattest einen Traumjob als Radioredaktor. 

Stimmt, aber es hat sich viel geändert. Früher hatte die Musikredaktion Leitplanken, heute hat sie Algorithmen. Persönlicher Geschmack spielt keine Rolle mehr. Vielleicht ein Grund, weshalb ich immer mehr zum Musikhistoriker werde.
 

 

Text: Jürg Seiberth, Fotos: Christian Jaeggi