Herr über Manuale und Pedal der Königin der Instrumente. Blick von der Höhe der Prospektpfeifen auf den Spieltisch.

Herr über Manuale und Pedal der Königin der Instrumente. Blick von der Höhe der Prospektpfeifen auf den Spieltisch.

 

«Un Pédaleur de Charme»

Er hat früh geübt, er hat studiert, er hat gespielt, er war Tonmeister, er war Musik-journalist und gestaltete Radiosendungen, er begleitet Musikreisen und organisiert seit 20 Jahren selber Orgelreisen. Der Orgel- und Musikfachmann Jürg Erni (78) ist quasi ein Multitalent. 

 

Das Porträt des Basler Musikfachmanns Jürg Erni beginnen wir – sonderbar? – mit einer kleinen radsportgeschichtlichen Rück-blende in die Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Damals gehörte der Schweizer Hugo Koblet (1925–1964) zu den besten Rennfahrern der Welt. Nicht nur den besten, angeblich auch zu den schönsten. Weil er sich gelegentlich vor der Zieleinfahrt seine Haare kämmte, nannte man ihn den «Pédaleur de Charme». Rückblende vorbei. Schnitt. Wir sitzen am Tisch mit einem heutigen «Pédaleur de Charme», mit Jürg Erni, und wir bedauern, dass der Tisch nur ein Tisch ist und keine Tasten hat. Wäre spannend gewesen, was zu hören gewesen wäre, wenn Jürg Erni nicht nur spricht, sondern dabei auch seine flinken Finger und Füsse über die (leider nur imaginären) Manuale und das Pedal fliegen lässt. Jürg Erni ist zu unserem Termin mit dem Velo gekommen, locker in die Pedale tretend. Mit Hugo Koblets Stil und Haltung allerdings kann es Erni nicht aufnehmen – vielleicht hat Jürg nur den Sattel zu tief eingestellt? Aber es sind ja auch nicht die beiden Pedale des Göppels, die Erni für uns zum «Pédaleur de Charme» machen, sondern es sind die tiefen Pfeifen, die er mit den Füssen auf dem Pedal zum Schwingen bringt. Nur den Buchstaben nach ist das Pedal der Orgel identisch mit den Tretern am Göppel. In seiner Funktion aber viel komplizierter, nämlich dazu da, um im Zusammenspiel mit den Manualen die Bassmelodien zu verknüpfen. 

 

Jürg Erni an der Orgel der Theodorskirche Basel.

Jürg Erni an der Orgel der Theodorskirche Basel. 

 

Von Bach zu Revox

Jürg Erni begann nicht mit dem Spiel auf der Königin der Instrumente, wie die Orgel bezeichnet wird. Er begann als Achtjähriger mit Klavier; 70 Jahre ist das her. Mutter Erni meldete bald einmal ihre beiden Söhne Hanspeter und Jürg, beide HG-Schüler, bei Eduard Müller, dem Organisten der Pauluskirche, zum Unterricht an – damit war für Jürg Erni das «lebenslänglich» an Manualen und Pedal mit dem Zuzug der Register vorgegeben. Nach der Matura besuchte er die Basler Musik-Akademie, kam in die Klasse Müllers, tauchte ein in die Werke der grossen Orgel-Komponisten von Frescobaldi über Bach bis zu Olivier Messiaen, machte mit 24 Jahren das Lehrdiplom – und hatte dann doch ein etwas anderes Berufsziel: Tonmeister wollte er schon immer werden. Denn zur Konfirmation bekam er ein Revox A 36-Tonbandgerät. Er baute Lautsprecher und schnitt Bänder zusammen für Tanz-anlässe und Privatpartys. Tatsächlich wurde Jürg Erni 1968 erster Tonmeister beim Schweizer Fernsehen; er hat noch im Studio Bellerive am Zürichsee Filme und TV-Spiele vertont und machte Aufnahmen mit Stars wie Yehudi Menuhin und Hazy Osterwald oder dem damaligen «Ländlerpapst» Wysel Gyr. Schon früh schrieb er auch Konzert-besprechungen für das Basler Volksblatt und die National-Zeitung (NZ). Letztere fragte ihn eines Tages an, ob er die Nachfolge von Joachim Ernst als Musik-Redaktor antreten wolle. Und er wollte. Das war 1971, und Jürg Erni erinnert sich schelmisch an das Mobiliar seines ersten Arbeitsplatzes in der Küche eines Altbaus am Aeschenplatz: «Eine Hermes Media, ein Musiklexikon und ein Aschenbecher» (Lesende mit späterem Geburtsdatum als etwa 1990 mögen sich bitte im Internet erkundigen, was «Hermes Media» war). 17 Jahre blieb Erni Musik-Redaktor der NZ und der späteren Basler Zeitung (BaZ), entdeckte hier für sich auch Ballett und Tanz, machte vor allem Kulturpolitik zum Thema. 

 

Die Königin als Begleiterin 

1988 wechselte er vom geschriebenen zum gesprochenen Wort und wurde Musik-Redaktor beim Schweizer Radio DRS 2, bis zu seiner Pensionierung im 2006.

 

Die Orgel war die ganze Zeit über zwar nicht in seinem Gepäck, aber doch eine konstante Begleiterin. Hauptorganist war er selber nie, aber er hat als Vertreter in Gottesdiensten gespielt, auf allen möglichen verschiedenen Orgeln, «auf vielen guten», und wieder der Schelm: «Aber auch auf vielen schlechten.» So wurde aus dem Musik- ein Orgelbaufachmann. Und als in einem Inserat ein «Musik-Reiseleiter» gesucht wurde, stieg Jürg Erni in eine weitere Branche ein und begleitet seither für den «Eurobus» Musikreisen von Hamburg bis Neapel. Schon vor 20 Jahren hatte er begonnen, Orgel-Reisen zu organisieren und anzubieten. Auf den meist viertägigen Reisen werden kostbare, in der Regel historische Orgeln von Meister-organisten vorgestellt. Und wer dabei ist, geniesst nicht nur das Spiel der Orgeln. Sondern auch das gesprochene Fachwissen Jürg Ernis und seine schelmischen Moderationen.

 

Text: Freddy Widmer, Fotos: Christian Jaeggi