Das Bild entstand im St. Galler Rheintal.

Das Bild entstand im St. Galler Rheintal.

 

Wider den schnellen Wow-Effekt

In den Landschaftsfotos von Daniel Rohner spielt die Farbe Weiss die Hauptrolle.
Inspiriert von chinesischen Meistern aus dem 11. Jahrhundert, eröffnet er uns eine
ungewohnte Sicht auf dramatische Landschaften.

 

Daniel Rohner wuchs in Arlesheim auf und lebt heute vorwiegend in Chur. Er stieg mit seinem Hund in die Rheinschlucht, die sich zwischen Reichenau und Ilanz tief in die Bündner Berglandschaft gegraben hat, er erkundete den Calanda, den Hausberg Churs, und er fotografiert im Laufental. Er suchte Bilder und er fand Bilder. Rohner sagt, dass die Landschaft keine starre, unveränderliche Erscheinung ist, dass sie lebt und sich bei jeder Begegnung neu und anders präsentiert. Auch die momentane Verfassung des Betrachtenden präge die Sicht auf die Landschaft mit.

 

Verzicht auf Effekthascherei

Die Fotografien, die auf diesen Wanderungen entstanden, suchen nicht den schnellen Wow-Effekt. Rohner vermeidet grelle Farbigkeit und erklärt, dass durch die Dominanz von Weiss und Schwarz viele vorlaute Reize wegfallen. So ist der Künstler gezwungen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Rohner vermeidet das beliebte Spiel mit Licht und Schatten und die Möglichkeit, durch Schärfe und Unschärfe eine vermeintliche Dreidimensionalität vorzugaukeln. Die Bilder verzichten auf alpenländischen Heroismus, sind ruhig, zurückhaltend und von meditativer Gelassenheit.

 

Das Bild entstand am Rhein in Chur.

Das Bild entstand am Rhein in Chur. 

 

Die chinesischen Vorbilder

Rohners Fotografien sind der Zweidimensionalität verpflichtet. Er orientiert sich dabei an seinen Vorbildern, den Tuschzeichnungen der chinesischen Song-Dynastie. Ganz besonders interessiert ihn in diesem Zusammenhang der legendenumwobene chinesische Landschaftsmaler, Poet und Kalligraf Mi Fu (1051–1107), mit dem das Buch in Dialog tritt. Rohner versucht zu verstehen, wie diese alten Bilder gebaut sind. Sie entstanden nicht in der Natur, sie wurden im stillen Kämmerlein komponiert. Die Maler dieser Zeit haben nicht das Erhabene in der Natur gesucht und zu Papier gebracht, sie suchten das innere Bild, die spirituelle Sicht auf das beim Betrachten Erfahrene. 

 

Mi Fu

Mi Fu wuchs am kaiserlichen Hof auf, seine Mutter war die Amme des Kaisers Shenzong. Mi Fu war ein hoher Beamter und befasste sich – wie damals viele andere Beamte auch – in seiner Freizeit mit Poesie, Kalligrafie und Malerei. Er sammelte Werke alter Meister, betätigte sich selbst als Künstler und schrieb auch über Kunst und Kunstwerke. Er war also gleichzeitig Sammler, Künstler und Kunsttheoretiker. Er schuf eine grosse Zahl von Werken, er kopierte aber auch Arbeiten von Meistern aus anderen Epochen und seine Arbeiten wurden wiederum von nachfolgenden Künstlern kopiert. Es ist deshalb sehr schwierig, ihm Werke und Stilmerkmale eindeutig zuzuschreiben. 

 

Mi Fu ist eine sagenumwobene Figur, er lebte vor tausend Jahren in einer Kultur, die uns heutigen Europäern sehr fremd ist. Mit ihm in Dialog zu treten ist eine anspruchsvolle Angelegenheit. Aber ein Künstler vom Format eines Daniel Rohner kann es ver-suchen und wagen. Die faszinierenden Bilder, die aus diesem Dialog entstanden sind, bestätigen die Fruchtbarkeit der gewagten Versuchsanordnung. 

 

Persönliche Anmerkung

Erlauben Sie mir noch eine persönliche Anmerkung: Ich habe ein schönes, medita-tives Bilderbuch kennengelernt, und mich nebenbei ein klein wenig mit chinesischer Geschichte befasst: Ich weiss jetzt, dass in der Song-Dynastie das Schiesspulver, der Kompass und der Buchdruck erfunden wur-den und auch die Beamtenprüfung, die Abrüstung und die Wirtschaftsförderung.

 

Text: Jürg Seiberth, Fotos: Daniel Rohner