Festlich gedeckt der Tisch. Weihnachten kann kommen ... Foto: Christian Jaeggi

Festlich gedeckt der Tisch. Weihnachten kann kommen ... Foto: Christian Jaeggi

Zermatt? Nein, Roderis!

Mit den Schneeverhältnissen kann Roderis nicht mithalten. Mit der Beizendichte auch nicht und mit dem Bergpanorama schon gar nicht. Warum um alles in der Welt also nach Roderis? Der Versuch einer Liebeserklärung.

 

Einige Häuser in einem Weiler statt unzählige Chalets, ein grosser Miststock statt das Matterhorn, endlose Weiden statt Skipisten, mehr vor sich hin kauende Kühe als knipsende Touristen, ein Landgasthof statt Dutzende von Hotels, Hütten, Restaurants und drei sympathische Gastgeber statt ein Heer voller geschäftstüchtiger Geschäftsführer. Wer also will schon nach Zermatt, wenn Roderis vor der Haustüre liegt. Entspannt geht es mit der S3 nach Grellingen und von dort mit dem Bus in luftige 575 m ü. M. Und dann? Ja, dann wird der Gast von Franco Pittaro oder Sara Stämpfli herzlich empfangen, mit Handschlag begrüsst und in eines der neuen und stilvollen Gäste-zimmer geführt und in Ruhe gelassen. Die Erholung beginnt. Ankommen, zurücklehnen, bleiben. Dieses Programm ersetzt den Seelenklempner und eine lange Anreise. Wie wäre es zuerst mit einem Aperitif, einem Rheinriesling oder Chasselas, dazu eine kleine Rehbratwurst mit Kürbisketch-up. Gibt die Bodenhaftung für einen kleinen Rundgang den Grasnarben entlang. Zurück ins Zimmer, schnell unter die Dusche und schon geht’s in die üppige, festlich geschmückte Gaststube. Unverbesserliche Romantiker haben den Tisch in der Nische reserviert, andere setzen sich an den langen Tisch und essen fröhlich um die Wette, den Weihnachtsschmuck zählend, was Stunden dauern wird. Der Tag geht, die Forelle kommt. Zuerst aber ein Orangensalat mit karamellisierten Nüssen oder doch lieber ein Dörrbohnensalat, gefolgt von einem Carpaccio von der Wildsau, bevor es zur berühmten Forelle und zum Rehhackbraten geht. Wer mag, setzt danach in der Lounge Rauchzeichen und gönnt sich einen Single Malt in Fassstärke, abgefüllt von der Scotch Malt Whisky Society. Einfach nur auf einen Verdauungsspaziergang geht aber auch.

 

An Heiligabend geöffnet mit oder ohne Schnee Foto: zVg

An Heiligabend geöffnet mit oder ohne Schnee Foto: zVg

 

Tag zwei, Samstag

Die Nacht ist still, kein Schnee fällt, oder doch? Aus der Nähe muht eine Kuh, die nicht schlafen kann. Bald ist Morgen, das Frühstück wartet und ein Besuch in der Messerschleiferei in Himmelried oder doch lieber auf eine Runde zur Brauerei Chastelbach. Da wäre aber auch noch die Möglichkeit, eine Tour durchs mystische Kaltbrunnental anzugehen oder  auf den Homberg, den Hirnichopf weiter zum Ämenegg, die sage und schreibe zwanzig Meter über 1000 m ü. M. liegt. Näher ist der Nunningerberg, auf dem die Sankt Wendelin-Kapelle aus dem 17. Jahrhundert steht. Das Picknick ist mit dabei, die Wintersonne wärmt, schön ist es hier. Am Abend wartet das zu einer Fonduestube umfunktionierte Bienenhaus auf geführte, gerührte Gabeln und als süsse Versuchung steht die Meringue mit der Double Crème Spalier. Der Sonntag kann kommen und mit ihm der Sonntagsbraten. Noch ein letzter Schluck, danke und auf Wiedersehen.

 

Die sympathischen Spinner

Anita Stämpfli und Franco Pittaro haben gemeinsam mit Sara Stämpfli mit der grossen Kelle angerührt und wagemutig dieses Umbauprojekt umgesetzt. Dafür gebührt ihnen der grösste Respekt. Die alte Scheune des Hauses wurde abgerissen, an ihrer Stelle sind Wohnungen entstanden, im Dachstock des alten Landgasthofs haben sieben Hotelzimmer Platz gefunden, und die störenden Kunststofffenster wurden durch Holzfenster ersetzt. Ein Teil des Gartens ist durch ein elektronisch ausfahr-bares Faltdach regensicher gemacht. Der erste  Stock beherbergt einen stimmungsvollen Saal, und die kleine Raucher-Lounge ist ins Parterre verlegt worden. Entstanden ist ein Bijou, auf das die Urheber stolz sind. Zu Recht, auch wenn der Garten mit Balkendach und Co. eine Spur zu üppig ausge-fallen ist. Egal, der befindet sich eh im Winterschlaf. Schön ist’s allemal, und noch schöner wird’s sowieso werden, da Franco Pittaro noch diverse Ideen im Köcher hat. So wird er im kommenden Frühling E-Bikes und alte Vespas bereitstellen. Falls der Schnee im alten Jahr gegen alle Prognosen doch noch kommen wird, werden die Davoser Schlitten in ihren Startboxen stehen. Weihnachten ohne Trubel mit den besten Freunden in Roderis zu verbringen, wäre eine machbare Idee. Der Landgasthof hat von Heiligabend bis zu Silvester geöffnet. Und seine Gaststube und der grosse Tannenbaum funkeln und leuchten prachtvoll den Nebel weg. Wenn es denn welchen hat.

 

Text: Martin Jenni, Foto: Christian Jaeggi