Heidi Happy

Die letzte Kolumne

 

Nun sitze ich hier und soll meine letzte Kolumne fürs Birsmagazin schreiben. Zum Thema Salz. Da böten sich all die Sprichwörter an. Jetzt nur kein Salz in die Wunde streuen. Jemandem die Suppe versalzen. Echt jetzt? Eine ganze Kolumne über Redewendungen, nur weil mir gleich zwei eingefallen sind? Dann schreib ich doch lieber über etwas Persönliches. Unsere Situation beim Essen. Louis: «Mami, darf ich bitte etwas Käse?», «Ja, Moment, ich bin gerade noch am Schöpfen.» Rosa: «Ich auch!», Louis: «Ich will den hier. Ist das Schafskäse?» Ich: «Ja. Willst du ihn selber reiben?», Louis: «Ja!», Rosa: «Ich will auch selber!», Louis: «Kannst du mir bitte die Raffel halten?», «Moment, ich bin gerade noch Rosa am Schöpfen.» Rosa: «Ich will selber schöpfen.» Louis: «Wann kannst du mir die Raffel halten?», Rosa: «Ich will auch Käse!». Na ja. Für alle, die Kinder haben, ist dies Alltag. Nehm ich an. Und den Trick, den Kindern den zugedrehten Salzstreuer zu geben und sobald sie mit Salzen an­fangen laut: «Stopp! Das reicht!» zu rufen, sodass sie frech noch zweimal weiter schütteln und man ihnen den Streuer mit grossen Augen und offenem Mund entnimmt, ohne dass sie je Salz aufs Essen gekriegt haben, den kennen sie bestimmt auch schon alle.

Dann schreib ich doch lieber übers Salzen auf der Strasse. Über die weissen Flecken auf meinen schwarzen Schuhen. Und die weiss gesprenkelten Hosenwaden, die man erst an der Hochzeit der Cousine entdeckt. Oder über die Nachbarin, die vorsorglich jeden Morgen einen Sack Salz auf ihren Parkplatz streut, falls es tagsüber schneien sollte und sie dann abends ihr Auto wieder hinstellen will. Sie könnte ja sonst beim Aussteigen ausrutschen. Und über Gustav, den Hund der anderen Nachbarin, der dadurch vom Salz zerfressene, total entzündete Pfoten hat. Oder die Katze Mini, die zur Behandlung ihrer Flöhe Nackentropfen kriegt. Aber dafür reicht der Platz hier leider nicht.

 

 


 

Rudolf Trefzer

Weisses Gold

 

Ohne Salz geht nichts. Zumindest nicht in der Küche. Denn Salz ist als Würzmittel fast überall im Spiel, wenn Speisen zubereitet werden. Und zwar seit Jahrtausenden, gilt es doch als das älteste Gewürz der Welt. Doch nicht nur in der Küche ist Salz unentbehrlich. Auch als Konservierungsmittel war und ist es auch heute noch trotz Kühlschrank und Tiefkühler von grosser Bedeutung. Würste, Käse und auch das durch Milchsäuregärung erzeugte Sauerkraut könnten ohne Salz nicht hergestellt werden. 

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass in unzähligen Bräuchen und symbo­lischen Bezügen das Salz als Sinnbild des Lebens, der Gastfreundschaft, Treue und Liebe auftaucht. Was die Liebe anbelangt, so war bekanntlich Aphrodite, die Göttin der Liebe, dem salzigen Meer entstiegen. Grund genug, um dem Salz auch eine aphrodisische Wirkung nachzusagen. Damit ergeht es dem Salz gleich wie vielen anderen, meist teuren oder seltenen Substanzen, denen man über ihren eigentlichen Verwendungszweck hinaus auch noch einen aphrodisierenden Zusatznutzen attestierte. 

Salz war lange Zeit ein wertvolles Gut, weshalb es auch als weisses Gold be­zeichnet wurde. Von seinem einstigen Edelstatus zeugen die kunstvollen, aus wertvollen Materialien wie Gold, Silber und Kristall gefertigten Salzbehälter, die auf den Tischen der Reichen und Mächtigen zur Schau gestellt wurden. Zum bil­ligen Alltagsprodukt mutierte das Salz erst, als man im 19. Jahrhundert bisher unbekannte Salzlagerstätten entdeckte und diese mittels industrieller Methoden abbauen konnte. 
Doch Salz ist nicht gleich Salz. Neben dem schlichten Tafelsalz steht einem heute eine breite Palette verschiedener Salz­typen zur Verfügung, die sich in Aussehen, Geschmack und Würzkraft unterscheiden. Dazu kommen noch Salze, die mit Gewürzen oder Kräutern aromatisiert sind. Da den Überblick zu behalten, ist zwar nicht ganz einfach. Doch auch hier gilt: Aus­probieren lohnt sich.

 


 

Jürg Seiberth

Meine Siebensachen

 


Diese Kolumne ist ein wenig persönlich. Denn: Was ist das Salz im Text? Ungesal­zene Texte sind kein Genuss; versalzene sind ungeniessbar. Wohldosiert gesalzene Texte präsentieren schwierige Inhalte in bekömmlicher Form. Manche sagen, das Salz im Text seien die Adjektive, oder die Metaphern. Ich sage: Es ist das Persönliche. Ein Text wird bekömmlich, wenn ein bisschen etwas vom Schreibenden drin ist. Nicht zu viel und nicht zu wenig. 

Jeder Ort hat seine Geschichten: Dornach hat seine Schlacht, Arlesheim hat sein Domkapitel, die Schweiz hat Tell und Gess­ler. Die Soziologen nennen das ein Narrativ, laut Wikipedia «eine sinnstiftende Erzählung für eine Gruppe oder Kultur». Für die meisten sind diese Erzählungen von zeitloser Gültigkeit, doch kritische Geister wollen immer darüber diskutieren und streiten. 

Ich behaupte, dass auch jede Person ihre Narrative hat. Wenn sie auf ihr Leben blickt, sieht sie überall Erlebnisse, die diese zu bestätigen scheinen. Denn die Narrative sind die Muster, mit denen wir unsere kleine, chaotische Welt ordnen. Wohldosiert gesalzen ist mein Text, wenn eines meiner Narrative geschickt darin verwoben ist. Dadurch wird er ein wenig persönlich, und das erleichtert mir das Schreiben und Ihnen das Lesen. 

Also verrate ich Ihnen jetzt eines meiner Narrative, dasjenige, das mir am wenigsten peinlich ist. Es dominiert meine Traumwelt: Fast jede Nacht muss ich plötzlich abreisen, muss ich packen; immer muss es in Eile geschehen, nie finde ich meine Sachen, immer ist der Rucksack zu klein. Manchmal taucht auch meine Grossmutter auf und fragt streng: «Hast du deine Siebensachen?»

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ein Mensch wohl höchstens sieben Sachen. Sie und ich, wir haben so viele Sachen, dass wir nicht einmal ihre Anzahl kennen. Mich machen meine vielen Sachen froh und manchmal auch nervös. Doch das ist nur eine mögliche Deutung meines Nar­rativs; es gäbe auch andere, tiefschürfendere. Das würde dann zu persönlich. – Welches sind Ihre Narrative?

 


 

Anita Fetz

Salz, das weisse Gold

 

Die weltweiten Verflechtungen der Globa­lisierung sind heute umstritten. Ist das aber alles so neu, wie es diskutiert wird? Gar nicht, wie die Geschichte des Salzes zeigt.
Wie wichtig Salz für Mensch und Tier ist, wusste man schon in der Steinzeit. Mit der Verbreitung der Viehwirtschaft wurde es zu einem elementaren Rohstoff, weil man damit Nahrung und Felle konser­vieren, Käse herstellen und verderbliche Güter über weite Strecken transportieren konnte. So wurde Salz zum begehrten Produkt, das am Meer und in Bergwerken gewonnen wurde. Der Mineralstoff war so wertvoll, dass die Römer ihre Soldaten nebst dem Sold mit Salz bezahlten. Vom römischen Staatsmann Cassidor ist die Aussage überliefert: «Auf Gold kann man verzichten, nicht aber auf Salz.» 

Da die Salzvorkommen  geographisch unterschiedlich verteilt waren, mussten sie über weite Strecken transportiert und gehandelt werden. Wo Salz gefunden wurde, da zog der Reichtum ein. Doch wie heute waren es nicht die Produzenten und ihre Arbeiter, die den grössten Profit erzielten, sondern die Händler. Sie verfügten schon damals über das nötige Kapital und die internationalen Netzwerke. In der Schweiz wurden die Salzvorkommen von Schweizerhalle erst im 19. Jahrhundert entdeckt. Sofort machte die Schweiz im Jahr 1840 die Grenzen für ausländisches Salz dicht. Vorher waren alle alten Orte in den europäischen Salzhandel integriert und importierten das weisse Gold vor allem aus Habsburg, Venezien und Frankreich. Bezahlt wurde jahrhundertelang meist mit Söldnern, dem lange Zeit wichtigsten Exportprodukt der Schweiz.

Wegen Salz wurden Kriege geführt, Taglöh­ner ausgebeutet, Zölle verlangt, Schmug­gel betrieben, Preisspekulationen angeheizt, Monopole und Protektionismus eingeführt, und für das Brennholz zur Solesiedung  ganze Wälder zerstört. Der Unterschied zu heute? Das Tempo und das Volumen des globalisierten Handels sind grösser und damit auch die Umweltzerstörung und die Ausbeutung von Menschen. Viele Rohstofffirmen haben ihren Hauptsitz heute in der Schweiz.

 


 

Zeichnung: Andreas Thiel

Zeichnung: Andreas Thiel

 

Das Salz der Birs

 

Die Birs ist der namengebende Fluss dieses Magazins, und Salz ist das Thema der vorliegenden Ausgabe. Das mischen wir jetzt mal tüchtig durcheinander und schauen, was für ein Sprachcocktail dabei herauskommt. Salz in Flusswasser aufgelöst ergibt zwar leider noch kein Erfrischungsgetränk, aber genau deshalb trinken wir das gesalzene Birswasser geschüttelt statt gerührt. Denn Salz ist ein Mineralstoff, und die Birs führt Süsswasser. MINERALSTOFF geschüttelt mit SÜSSWASSER ergibt MI­NERALWASSER mit SÜSSSTOFF. Da haben wir schon unser Erfrischungsgetränk. Aber wie sollen wir dieses Getränk nennen? Um das zu erfahren, brauchen wir bloss SALZ mit BIRS zu schütteln. Das ergibt SARS und BILZ. Sie brauchen keine Angst zu haben, denn der Zusammenhang ist rein morphologischer Natur. Bilz ist ein Erfrischungs­getränk aus Limonade und Bier. Sars ist eine Infektionskrankheit, ausgelöst durch ein Coronavirus. LIMONADEBIER geschüttelt mit CORONAVIRUS ergibt LIMONADEVIRUS und CORONABIER. Naja, eine gewisse semantische Dimension ist dem ganzen auch nicht abzusprechen. Das Limonade­virus ist demnach eine Erfrischungskrankheit und das Coronabier ein Infektionsgetränk, wobei die syntaktische Verbindung nur eisgekühlt und mit Zitrone schmeckt.

Aber wie kommen wir aus diesem linguis­tischen Schlamassel wieder raus? Ich vermute mal, gar nicht. Oder doch, vielleicht, indem wir Jurasalz verwenden? Es gibt zwar TAFELSALZ aus dem JURAGEBIRGE, aber das ist eine kausale Sackgasse, denn auch geschüttelt bleibt es JURASALZ aus dem TAFELGEBIRGE.

Eventuell haben wir das Salz und die Birs einfach zu wenig gut durcheinandergeschüttelt. Wenn man SALZ und BIRS etwas kräftiger schüttelt, kommt man nämlich auf die BALZ der SIRS in den BARS von SILZ, also dem Flirtverhalten englischer Touristen im Tirol, womit nach dem morphologischen, semantischen und syntaktischen auch der kausale Zusammenhang zwischen Erfrischungsgetränk und Corona­virus hergestellt ist. 
 


 

Niggi Ullrich

Wie salzig darf das Leben sein?

 

Schwierige Frage. Landläufig zählen zwar die Momente, die uns das Leben versüssen (nota bene: nicht verzuckern!) mehr als jene, die einen salzigen Nachgeschmack hinterlassen. Zudem messen wir schwere Zeiten ohnehin eher nach dem Grad ihrer Bitterkeit und nicht nach ihrem Salzgehalt. Süss ist sowieso alles andere als das Gegenteil von salzig, nicht nur in der Küche, auch wenn es gerade dort hie und da beim Griff ins Regal zu fatalen Verwechslungen kommen kann, weil man niemals nur auf das vertrauen sollte, was man sieht, weil selbst Salz aussieht wie Zucker. 

Aber:  Wer im Baselbiet mit einer Kolumne zum Thema Salz beauftragt ist, muss im Hinterkopf haben, dass der Ertrag aus dem Salz der Lauge der Rheinsalinen dem jungen Kanton Basel-Landschaft Mitte des 19. Jh. zum goldenen Zeitalter gereichte und dafür sorgte, dass die verarmte Einwohnerschaft jahrelang keinerlei Steuern bezahlen musste. So salzig können die Verhältnisse sein. 

Salz war bekanntlich schon immer sehr kostbar und das erste Lebensmittel, das mit einem Zoll belegt wurde. Man tauschte es sogar gegen Juwelen. Römische Soldaten wurden mit dem «Salarium» entlohnt, das zum Kauf von Salz verwendet werden konnte und in dem auch das Wort «Salär» steckt. Verbrieft ist auch, dass eine exorbitante Salzpreiserhöhung die Französische Revolution auslöste. 

Es muss dem «Weissen Gold» – wie das Salz immer wieder bezeichnet wird – aber auch ein rätselhafter Zauber innewohnen, der die Menschen seit jeher fasziniert. Auf der blossen Zunge mag Salz im Gegensatz zu Wein, Brot oder Zucker ungeniessbar schmecken. Aber als Symbol oder Metapher für ein Leben in idealer Gestalt und geistiger Gesundheit scheint es eine unheimliche Kraft zu besitzen, die über die profan heilende Wirkung von Medikamenten und Solbädern oder das Abschmelzen von Eis und Schnee auf winterlichen Land­strassen weit hinausgeht. Nicht wirklich erstaunlich ist daher, dass alles, was sich in der Welt mit Ideen und Fragen, Hoffnungen, Antworten und Prophezeiungen – zu welchem Thema auch immer – durch die Jahrhunderte exponiert hat, das Salz nicht nur einfach erwähnt, sondern zum Lebenselixier schlechthin erhebt. Das geht von Jesus Christus in der Bergpredigt, über Aristoteles, Paracelsus, Heinrich Heine, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Nietzsche, Gottfried Keller, Honoré de Balzac, Wim Wenders bis zu den unverwüstlichen Rolling Stones, deren sozialpolitischer Rock­titel «Salt Of The Earth» (1968) in einer melodramatisch anmutenden Songzeile mündet: «Let’s drink to the hard working people / Let’s drink to the lowly of birth / Raise your glass to the good and the evil / Let’s drink to the salt of the earth!» Schlicht glorios liest sich das. Das Leben ist nicht salzig, sondern Salz ist das Leben! Dieses Credo macht jeden simplen Salzstreuer einer Ménage in der Beiz klammheimlich zu einer Art Geist aus der Flasche mit segnend-apokalyptischer Sprengkraft. Oder es erhebt die Frage von Pablo Neruda «Wenn alle Flüsse süss sind, woher kommt denn das salzige Wasser im Meer?» zur Frage aller Fragen. 

Beim nächsten Spaziergang an der Birs werde ich daher versucht sein, in einem unbeobachteten Moment einen Finger ins Wasser zu tunken, zu kosten und klamm hoffen, dass es sich irgendwie salzig an­mutet. Wenn nicht, helfe ich mit dem Salzstreuer aus der Küche nach. Dann drücke ich uns die Daumen, bis sie blau werden. Vielleicht eröffnet sich uns die Chance, dass uns wie weiland in ein paar Jahren wieder die Steuern erspart werden. Und darum darf das Leben durchaus etwas salzig sein.

 


 

Marko Lehtinen

Das Salz vom Himalaya

 

Himalaya-Salz! Was das Wort nicht alles impliziert. Hohe Berge, reine Natur, mystische Kultur, ein Salz, so edel und pur wie ein Bergkristall. Oder so ähnlich.

Kürzlich hielt ich ein solches Himalaya-Salz in den Händen. Ich fragte mich, was es damit auf sich hat und googelte ein bisschen im Netz. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, dass Himalaya-Salz tatsächlich aus Asien stammt und nicht einfach aus werbetechnischen Gründen so heisst. Genau genommen soll es in einem Mittelgebirge in der pakistanischen Provinz Punjab, rund 200 Kilometer südwestlich des Himalaya-Gebirges, gewonnen werden.

Nicht schlecht. Allerdings leuchtet mir nicht ein, warum ich ein solches Salz kaufen sollte. Neben seinem ökologischen Fussabdruck spricht auch der Preis nicht eben für dieses Produkt. Und überhaupt: Salz ist doch nichts weiter als Salz, lassen wir uns da nichts vormachen.

Das Äquivalent aus meiner Kindheit heisst übrigens Aromat. Meine ganze Genera­tion ist mit der gelben Streuwürze auf­gewachsen, und in meinem Elternhaus wurde ganz generell statt Salz einfach Aromat verwendet. Es vergingen Jahre, bis ich begriff, dass ich auch einmal mit ganz gewöhnlichem Salz kochen könnte.

Auch wenn ich seither nie mehr einen Aromat-Streuer in den Händen gehalten habe, haftet der Geschmack bis heute in meiner Erinnerung – als ein Stück Kindheit, die ich in den 70er-Jahren durchlebte. Wie die Fleischvögel oder der Riz Casimir, wie der Banana Split oder das Sorbet aus der aprikosenförmigen Plastikschale.

Aber wie ist das nun mit dem Himalaya-Salz? Steckt da mehr dahinter? Ich gebe dem Trend eine Chance, nehme das grobkörnige, leicht rosafarbene Salz, streue etwas davon auf mein Hohrückensteak und das Gemüse – und zucke mit den Achseln. Bei einer Blinddegustation würde ich dieses Produkt nie vom Durchschnittssalz aus meinem Streuer unterscheiden.

Hohe Berge, reine Natur und mystische Kultur? Die Assoziationen verfliegen so schnell, wie sie gekommen sind.