Heike Gudat, Chefärztin am Hospiz im Park

Heike Gudat, Chefärztin am Hospiz im Park Fotos Christina Jaeggi

 

«Man gibt die Liebe des Abschieds»

Das Salz der Tränen ist ihr nicht fremd. Heike Gudat, Chefärztin am Hospiz im Park, über Trauerarbeit, dennoch schöne Gefühle und den einsamen Tod in Zeiten von Corona.

Heike Gudat, Sie sind täglich mit Endlichkeit konfrontiert. Und mit Trauernden. Was passiert da?

Abschied löst immer Trauer aus, wenn man etwas liebt. Trauer äussert sich auf unterschiedliche Weise und bestimmt auch das persönliche Verhalten. Manche Patienten und Angehörige merken nicht, dass sie schon ganz lange trauern. Auch Patienten leisten ganz viel Trauerarbeit. Viele beginnen damit unmittelbar nach der Diagnose. Mit einer unheilbaren oder chronischen Krankheit zu leben, kann ein Abschied auf Raten sein. Auch Angehörige trauern sehr. Manchmal haben sie es besonders schwer, weil sie ihre kranken Angehörigen mit ihrer eigenen Trauer nicht demoralisieren wollen. Einigen Angehörigen fällt der Abschied auch so schwer, dass sie den Patienten ganz fest umsorgen, um sich nicht mit dem Ende auseinandersetzen zu müssen.

Wir leben in einer Welt, in der einen Leistung adelt. Ihre Patienten können keine Leistung mehr bringen. Empfinden sie sich deswegen als Last?

Einige fühlen sich wertlos, andere nicht. Es gibt Menschen, die benötigen für alles Hilfe. Trotzdem empfinden sie sich nicht als Last, weil sie sich geliebt fühlen. Zum Beispiel von der Ehefrau, die alles für ihren Mann tut, was wiederum eine Form von Trauerarbeit ist. Man gibt die Liebe des Abschieds, die einen ganz speziellen Wert hat. Der Patient leistet seinerseits Trauerarbeit, indem er traurig ist, dass er diese Liebe bald nicht mehr haben kann.

Andere kommen mit der Situation weniger gut klar, sagen Sie.

Sie verursachen womöglich wenig Arbeit, doch haben sie sich immer darüber definiert, für andere da zu sein. Das trifft beispielsweise auf viele Frauen der älteren Generation zu. Sie, die immer für andere da waren, können nicht mit sich vereinbaren, dass sie Hilfe brauchen. Das hat ganz viel zu tun mit der eigenen Kultur und Bio­graphie.

Sind Sie in Ihrer Arbeit nicht zu einem grossen Teil Seelsorgerin?

Spirituelle Arbeit ist untrennbar mit Palliative Care verbunden. Wenn ein Patient eine Frage zum Sinn des Lebens stellt, ist er kaum bereit zu warten, bis die Psychologin Zeit findet. Da braucht es ganz viel Erfahrung. Wir sprechen von Spiritual Care, was nicht nur mit Religion zu tun hat. Es geht um Sinnfragen und Ethik. Was darf und was soll man? 

Können Sie Ihrem Beruf noch mit Freude nachgehen oder wiegt die Last zu schwer?

Hätten wir keine Freude an unserem Beruf, würden wir nicht so lange dabeibleiben. Das Team ist sehr stabil. Es ist etwas Sinnhaftes, das wir tun. Wir sind ja nicht schuld am Tod. Wenn jemand mit starken Schmerzen zu uns kommt, und wir ihn innerhalb kürzester Zeit beschwerdefrei machen kön­nen, ist das ein unglaublich schönes Gefühl. Das ist sehr befriedigend.

Also herrscht im Hospiz nicht zwangsläufig eine gedrückte Stimmung.

Es ist noch immer ein Ort des Lebens. Viele Menschen, die zu uns kommen, wollen nicht sterben. Früher ging man ins Hospiz, weil man sich sagte, mein Lebensende ist gekommen. Heute kommt man zu uns, weil einen sonst niemand mehr nimmt. Im Spital können die Patienten nicht bleiben, zuhause zu bleiben oder ins Altersheim einzuziehen geht auch nicht. Einige unserer Patienten kämpfen um jeden Tag, den sie noch leben dürfen. Ihnen müssen wir gerecht werden. Es gibt jedoch auch Menschen, die sich auf das Sterben einlassen oder es sogar herbeiwünschen. Für sie müssen wir auch da sein. In dieser Zeit müssen sie alle einen Sinn in ihrem Leben finden, so, wie sie das für sich definieren. Der eine will Ruhe, der andere ganz viel Besuch. Dieses Spannungsfeld ist interessant, aber auch belastend.

Wann wird es schwer für Sie?

Wenn wir junge Menschen betreuen, belastet uns das sehr. Das ist etwas ganz anderes. Nicht zu seiner Zeit. Dann braucht es sehr viel Professionalität und Fähigkeit zur Distanzierung unsererseits, gleichzeitig sind wir Menschen, die fühlen und authentisch bleiben wollen. Wenn man jemanden sieht, der so alt ist wie die eigenen Kinder, ist das ganz schwer zu ertragen. Da ist man auch mal sehr traurig oder weint sogar. Gleichzeitig muss der professionelle Abstand gewahrt werden.

Weihnachten steht vor der Tür. Eine spezielle Zeit im Hospiz?

Das Weihnachtsfest konzentriert sich auf Fragen des Zusammenseins, der Mitmenschlichkeit, auch wenn das immer wieder furchtbar in die Hose gehen kann in der dunklen Jahreszeit. Ein riesiges Thema ist, ob Familie und Freunde da sein können in Corona-Zeiten. Für viele war der Lockdown ganz schwierig. Auch alleine zu sterben. Ganz schwer. Corona verursachte unter Patienten, Angehörigen und im Team zuerst grosse Unsicherheiten. Wir erarbeiteten extra ein Konzept, das Besuche er­möglichte. Wir dürfen auf keinen Fall eine Ansteckung im Haus riskieren. In der Pflege schwer kranker Menschen kommt man sich im Hospiz enorm nahe. Wir könnten weitere Ansteckungen nicht vermeiden und müssten schliessen.

Wir verdrängen den Tod, einverstanden?

Ich mache mir jeden Tag Gedanken darüber. Dass wir den Tod verdrängen, ist nichts Ungewöhnliches. Unsere Instinkte sorgen dafür, dass wir leben wollen. (Mit einem Augenzwinkern) Wir Palliativmediziner sind manchmal ein bisschen gekränkt, dass sich die Menschen so wenige Gedanken machen. 
 
Welche Gedanken sollte man sich machen?

Man sollte sich überlegen, wer man ist, was einem wichtig ist und was man will. Gedanken, wo man leben will, sollte man krank werden, genauso, wo und ob man gepflegt werden will.

 

Text: Daniel Aenishänslin, Fotos: Christian Jaeggi